7.Tag-Gedenkveranstaltung/Podiumsdiskussion mit Bundestagspräsident (30.Januar 2013)

Heute folgte der Abschluss und zugleich der Höhepunkt der diesjährigen Jugendbegegnung, da heute die Gedenkstunde des Deutschen Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus war und anschließend auch die Podiumsdiskussion mit dem Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU), Pater Desbois (Gründer von Yahad- In Unum,Paris) und Deidre Berger (American Jewish Committee Berlin) stattfand.
Voller Aufregung, Nervosität und Vorfreude folgte gegen 11.30 Uhr der gemeinsame Gang zum Plenarsaal des Deutschen Bundestages. Wir durften als besondere Ehre an dieser offiziellen Gedenkstunde teilnehmen.
Wie uns allen bekannt sein sollte, ist der Plenarsaal des Deutschen Bundestages sonst nur den Abgeordneten freigestellt.

Endlich folgte die Begrüßung zur Gedenkstunde durch den Präsidenten des Deutschen Bundestages, Prof. Dr. Norbert Lammert. Er erwähnte in seiner Rede die diesjährige Jugendbegegnung und begrüßte uns als Teilnehmer dieser großartigen Veranstaltung. Ein Hauch von Stolz verbreitete sich sofort in unseren Gesichtern.
Prof. Dr. Norbert Lammert sieht unsere Aufgabe darin, neue Formen von Erinnerungen zu entwickeln und somit die Geschehnisse in dieser schrecklichen Zeit des Terrors wachzuhalten. Es sei unsere Pflicht „eine Generation von Zeugen von Zeugen von Zeugen“ zu bilden.

Nach musikalischen Einsätzen folgte auch schon die Gedenkrede Inge Deutschkrons.
Der Titel ihres Vortrages lautete „zerrissenes Leben“, darin legte sie ihre Zeit in Berlin unter der nationalsozialistischen Macht dar und zeigte uns nochmals am Beispiel der sogenannten „stillen Helden“, dass es auch in Zeiten des Terrors möglich war Menschlichkeit zu beweisen.

Nach der Gedenkveranstaltung ging es zur Podiumsdiskussion ins Jakob-Kaiser-Haus. Der Titel der Diskussion lautete: Die Gegenwart der Vergangenheit-Die Lokalisierung von Stätten nationalsozialistischer Massenerschießungen in der Ukraine und der Umgang mit ihnen.
Bei der Diskussion berichteten wir zu Anfang über unseren Aufenthalt in Kiew und danach folgten bereits weitere wichtige Fragen und Aussagen der Teilnehmer.
Die staatliche und zivilgesellschaftliche Säule soll Erinnerungen lebendig halten, betont Lammert zunächst.
Auch sind sich die Teilnehmer und Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert einig: Es ist nicht zu akzeptieren, dass die öffentlich-rechtlichen Sender trotz Bildungsauftrags keine Besonderheit gegenüber Privatsendern darstellen, denn sie berichteten über diesen wichtigen Tag kaum etwas.
Auch ist Prof. Dr. Norbert Lammert gegen ein extra Schulfach, das sich „Demokratie“ nennen soll.
“Demokratie sollte in jedem Fach mit einfließen, ansonsten verschwindet es im Stundenplan schnell zwischen Mathe und Sport.“ Frau Berger und Pater Desbois stimmten dem Bundestagspräsidenten zu. Weitere Ergebnisse unserer Diskussion waren unteranderem auch, dass Zeitzeugen immer älter werden und sterben. Demzufolge wird die Suche nach weiteren Massengräbern ohne Zeitzeugen sich als schwierig erweisen. “Erinnern alleine reicht nicht”, sagte Desbois unteranderem, “man muss wirklich verstehen, was in den Dörfern passiert ist. Nur dann kann man neue Massenmorde verhindern.”
Natürlich wurde noch sehr viel anderes erwähnt und diskutiert, jedoch habe ich versucht mich auf einige Punkte zu beschränken.

Zum Abschluss möchte ich sagen, dass für mich die 17.Jugendbegegnung voller Erfolg war.
Alle Teilnehmer waren sehr interessiert und sehr engagiert. Ich habe mich mit allen sehr gut verstanden und freue mich die Bekanntschaft sehr netter Menschen gemacht zu haben.
Die Jugendbegegnung hat mir auch bewusst gemacht, dass die Erinnerungspolitik in der Ukraine anders ist als in Deutschland. Die Zeitzeugengespräche machten die nationalsozialistischen Grausamkeiten in der Ukraine verstärkt deutlich und auch dass die Verantwortung für die Zukunft in unseren Händen liegt. Die Teilnahme bestärkte mich mit neuer Motivation und auch mit neuem Willen mich für mehr Toleranz und Akzeptanz gegenüber Andersdenkenden einzusetzen und somit ein vorurteilsfreies und demokratisches Miteinander zu fördern.
Ich möchte mich hiermit bei den Verantwortlichen der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule in Ober-Ramstadt und vor allem bei meinem Geschichtslehrer Herrn Höflein dafür bedanken, dass mir diese einmalige Chance gegeben wurde an dieser unvergesslichen Veranstaltung teilzunehmen.

Selin Ilhan

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6.Tag-Rückflug nach Dortmund/Transfer nach Berlin (29.Januar 2013)

Heute wurden wir nach unserem Frühstück im Hostel mit Bussen zum Flughafen Kiew-Zhulyany gefahren. Diesmal gab es keine Schwierigkeiten, der Check-In klappte und das Sicherheitspersonal in Kiew streikte auch nicht.
Im Kiewer Flughafen selbst hatten wir die Möglichkeit uns nochmal in unseren Arbeitsgruppen für eine kleine Auswertung der letzten Tage zu versammeln.
Wie geplant landeten wir nach etwa 2 Stunden sicher in Dortmund.
Dort wurden kurzfristig zwei Reisebusse organisiert, eigentlich sollte es mit dem Zug zurück nach Berlin gehen, jedoch fiel unser Zug aus.
Trotzdem war die Rückreise sehr angenehm und sehr ruhig.
Endlich hatten wir etwas Zeit alle Informationen, Eindrücke und Erfahrungen der letzten Tage zu verarbeiten und zu überdenken.
Gegen elf Uhr nachts kamen wir dann erschöpft in Berlin an. Es folgte der Gang zum Jugendgästehaus am Berliner Hauptbahnhof.

Selin Ilhan

5.Tag-Besatzungsregime, Kriegsgefangenenschicksale und Zwangsarbeit (28.Januar 2013)

Heute war der letzte „richtige“ Tag in Kiew, unsere Reise neigt sich langsam dem Ende zu.
In der St. Katharina-Kirche hatte uns Dmitriy Malakov zu Beginn des Tages ein Vortrag mit Bildern über das Alltagsleben unter deutscher Besatzung gehalten. Sein Vortrag war sehr ausführlich und informativ, demzufolge stellte diese Einführung eine wichtige Grundlage für die anderen Programmpunkte dar.

Unter den acht Zeitzeugen an diesem Tag trafen wir zu Anfang Wassili Michailowski (geb. 1937). Als Vierjähriger gelang es ihm und seinem Kindermädchen Babyn Jar zu überleben. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt, sein Vater kam in Babyn Jar ums Leben.
„Mein Vater war bei der Armee und geriet während der Verteidigung von Kiew in einen Kessel. Als er nach seiner Flucht aus dem Kriegsgefangenenlager in Darniza wieder nach Hause kam, in die Kostelnaja-Straße 9, wurde er von der Hausmeisterin gesehen, die sofort zwei Polizisten holte. Er kam in Babyn Jar ums Leben.
Am nächsten Morgen sagte die Hausmeisterin auch meiner Kinderfrau: `Bring den Judenbalg nach Babyn Jar.` Die Kinderfrau, die nie auf einer Schule gewesen war, konnte sich die ganze Gefahr gar nicht vorstellen und brachte mich nach Babyn Jar.“
So freute sich damals Wassili Michailowski nach Babyn Jar zu gehen, denn dort erwartete er eine Art Veranstaltung bzw. politische Kundgebung. So kam es leider nicht. Während der Erschießungen fiel er leicht verletzt zu Boden und die Deutschen verloren ihn so aus den Augen.
Mit einer falschen Identität, einem ukrainischen Pass, ließ ein Soldat ihn und sein Kindermädchen gehen. Von da an verbrachte er die ganze Kriegszeit in einem Waisenhaus.
“Lasst niemals die schwarze Hand des Faschismus über euch kommen“, sagte uns Wassili Michailowski zum Abschluss des Gesprächs.

Nach dem Mittagessen ging es in die Taras-Schewtschenko-Universiät um weitere Zeitzeugengespräche mit überlebenden Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen zu führen.
Ich durfte den ehemaligen Zwangsarbeiter Volodymyr Zamorsky näher kennenlernen.
Er wurde 1942 als Vierzehnjähriger aus Kiew zur Zwangsarbeit von den Deutschen aufgegriffen und verschleppt. Seine Mutter (Ärztin) wurde 1943 auch nach Deutschland geschickt und arbeitete dort in der Krankenstation VKF in Schweinfurt. Volodymyr Zamorsky gelang es ab 1944 mit Hilfe der Mutter auch in der gleichen Krankenstation tätig zu werden. Zuvor musste er in der Landwirtschaft arbeiten. Volodymyr Zamorsky sieht seine Erfahrungen nicht nur negativ. Er erzählte uns auch Positives über seine Zeit in Deutschland. So berichtet er, dass die Verpflegung während seinem Aufenthalt in Deutschland als Zwangsarbeiter doch besser war als zu Hause.
Uns, als Teilnehmer der 17. Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages ist aufgefallen, dass viele Zeitzeugen doch sehr oberflächlich und ungenau auf die Zeit ihrer Gefangenschaft eingegangen sind.
Ein möglicher Grund hierfür wäre, dass diese Zeitzeugen uns als Jugendliche schonen bzw. „sorgfältiger“ mit uns umgehen wollten.
Wir tragen zwar keine Schuld, jedoch haben wir die Verantwortung sich daran zu erinnern und so ein vorurteilsfreies Miteinander zu fördern.

Am Abend ging es dann zum Abschluss des heutigen Tages zur Deutschen Botschaft.
Dort fand ein Briefing zu den Deutsch-Ukrainischen Beziehungen statt und anschließend der Empfang mit einem gemeinsamen Abendessen.

Selin Ilhan

4.Tag- Babyn Jar/ Öffentliche Diskussion mit jungen Ukrainern im Goethe-Institut (27.Januar 2013)

Heute haben wir nach unserem Frühstück im Hostel eine Kurzeinführung zu Babyn Jar erhalten und anschließend folgte auch schon die Abfahrt selbst zur Gedenkstätte Babyn Jar mit Bussen.
Bei eisigen minus 18 Grad begann der Rundgang mit Führung und dauerte etwa 2 Stunden.
Babyn Jar (übersetzt „Weiberschlucht“) beschreibt eine Schlucht bei Kiew.
Dort fand Ende September 1941 die größte Mordaktion hauptsächlich an jüdischen Männern, Frauen und Kindern während des Zweiten Weltkrieges statt.
Auch Kriegsgefangene, Sinti und Roma und Kommunisten fielen zum Teil dieser Aktion zum Opfer.
Innerhalb von zwei Tagen wurden dort ungefähr 34.000 Menschen von Deutschen erschossen.
Die Ränder der Schlucht wurden durch eine Sprengung zerstört und alles wurde zugeschüttet, um die Beweise für die Morde zu vernichten.
1943 verbrannte man sogar viele Leichen, doch es blieben genügend Hinweise zurück.
Heute erinnern mehrere Denkmäler von verschiedenen Zeiten an die größte Massenerschießung, zum Beispiel wird an tote Sowjetbürger, Partisanen, Sinti und Roma, Kinder und Juden erinnert.
Vor dem jüdischen Denkmal legten wir eine Schweigeminute ein, zumal heute der offizielle Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus war.
Die Statuen waren sehr ausdrucksvoll, jedoch ist diese Gedenkstätte kein authentischer Ort.
Ohne Vorwissen ist es schon fast unmöglich diese Gedenkstätte wahrzunehmen, da historische Dokumentationen bzw. Informationen vor Ort fehlen.
Zudem wird dieses Gelände heute als Park genutzt und auch Wohnhäuser umgeben dieses Gebiet und lassen die Geschehnisse in Hintergrund treten.
Viele kritisierten diese Tatsache, andere jedoch waren der Meinung, dass dies eine Art der Wiederbelebung eines toten Gebietes sei, in der nun positive Ereignisse von großer Bedeutung sein sollten.

Später fand eine Befragung des ukrainischen Zeugen von Massenerschießungen Iosif Patetskyi (86 Jahre) in der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche St. Katharina statt.
Patetskyi erzählte uns, dass in seinem Dorf die Hälfte der Menschen jüdischer Abstammung war und diese im Bereich Handel und Unternehmen tätig waren.
In seinem Dorf gab es drei Synagogen und Unterschiede kannten sie keine.
Sie gingen bis 1941 auf eine gemeinsame Schule und untereinander gab es sehr gute Beziehungen.
Ab dem 1.September 1941 begann jedoch Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung.
Juden erlebten einen wirtschaftlichen Niedergang.
Patetsky musste ein Grab für die Massenerschießungen vorbereiten und später die Leichen wieder mit Erde zuschütten. Widerstand gab es keine.

Abends hatten wir noch einen Termin im Goethe-Institut.
Es fand eine öffentliche Diskussion mit jungen Ukrainern zum Thema Erinnerung an den Holocaust statt.
Viele kamen zu dem Entschluss, dass ukrainische Ausstellungen mehr auf das Individuum eingehen sollten, um somit die Anonymität eines jeden zu entreißen.
Auch sollten zerstörte Synagogen in der Ukraine aufgebaut bzw. restauriert werden, um somit die jüdische Kultur als Teil der ukrainischen Geschichte wahrzunehmen.
Andere Ukrainer waren jedoch der Meinung, dass erst die eigene Tragödie (Holodomor) reflektiert und verarbeitet werden muss, damit anschließend an den Holocaust erinnert werden kann.
Wieder wurden wir mit dieser Diskussion mit verschiedenen und gegensätzlichen Positionen innerhalb der jungen Ukrainer konfrontiert.

Ich freue mich wirklich sehr, Teil dieser großartigen Veranstaltung zu sein.
Wir haben zwar einen recht straffen Zeitplan und ein volles Programm, jedoch motiviert es mich immer wieder aufs Neue das Bewusstsein der Ukraine wahrzunehmen und zu verstehen.
Ich bin hier wirklich sehr tollen Menschen begegnet, mit denen ich auf jeden Fall in Kontakt bleiben werde.

Selin Ilhan

3.Tag-Museum des Großen Vaterländischen Krieges/Denkmal an den Holodomor (26.Januar 2013)

Heute konnten wir uns intensiv mit dem Vernichtungskrieg in der Ukraine und der staatlichen Erinnerungspolitik (Gedenken an den Holodomor als neues Element) beschäftigen.
Nach unserem Frühstück im Hostel, folgte die Fahrt zum Museum des Großen Vaterländischen Krieges in Kiew.
Schon vor der Einfahrt in das Museum sahen wir auf dem Museumsbau eine 62 Meter hohe silberne und mächtige Statue einer Frau mit erhobenem Schwert und Schild.
Vielen Teilnehmern gab diese Statue „Mutter Heimat“ zu Bedenken und es folgten erste Mutmaßungen.
Viele von uns setzten mit dieser eindrucksvollen Statue kämpferische, heldenhafte und patriotische Ideen und Prinzipien in Verbindung.
Die gigantische Außenanlage mit heldenhaften Figuren z.B. Städte-Helden (Arbeiter und Bauern), aber auch die Expositionen der Kampftechnik und der Ausrüstung bestätigten unsere Mutmaßungen.
Zudem kamen draußen aus Lautsprechern Siegesgesänge.
Das Hauptausstellungsgebäude beinhaltet 16 Säle mit mehr als 15 Tausend Gegenständen: Dokumente, Rüstungen, Fotografien und persönliche Objekte sind dort zu finden.
Die Exposition ist in zeitlicher Reihenfolge aufgebaut und bringt uns die Zeit bzw. die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges von 1941-1945 näher, in der der Überfall des Nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion bis zum Misserfolg der deutschen Wehrmacht 1945 dargestellt wird.
Wir kamen zu dem Entschluss, dass die ukrainische Ausstellung sehr einseitig und subjektiv die Geschehnisse schildert, zumal emotionaler Druck auf die Besucher aufgebaut wird, damit diese den Schrecken des Krieges empfinden können.
Die Ausstellung ist also eine reine Darstellung des Narrativs bzw. eine Inszenierung. Alles ist sehr plakativ gestaltet und dementsprechend treten die geschichtlichen Zusammenhänge, Erklärungen, Analysen und auch Alltagsgeschichten der Bevölkerung in den Hintergrund.
Nur in einem letzten Teil der Ausstellung wird in dem sogenannten Saal „Hall Of Glory“ an einzelne Menschen und deren Schicksale während dieser schrecklichen Zeit erinnert.
Trotzdem stehen eben Soldaten und Militär im Vordergrund.
Uns hat diese Ausstellung geholfen ansatzweise die Kultur und das Bewusstsein dieser Nation zu verstehen.
Natürlich sind in dieser jungen Nation viele unterschiedliche Meinungen vorzufinden.

Nach dem Mittagessen besuchten wir das Denkmal an den Holodomor.
Unter diesem Begriff versteht man die systematische Aushungerung von hauptsächlich ukrainischen Bauern im Stalinismus, da der Schwerpunkt des Hungers gerade die Getreide produzierenden Regionen betraf.
Es gab drei große Hungersnöte in den Jahren 1921/1922, 1932/33 und 1946/47 und insgesamt hat die Hungersnot von 1932/33 sechs bis sieben Millionen Opfer gefordert.
Lange Zeit wurden diese Ereignisse mit einem Tabu belegt. Es wurde während der sowjetischen Führung eine Mauer des Schweigens errichtet.
Heute ist der Holodomor jedoch zu einem zentralen Aspekt in der ukrainischen Geschichte bzw. Identität geworden.
Die Gedenkstätte besteht aus einem grauen Turm mit goldener Spitze, davor befindet sich eine Statue von einem kleinen, hungernden Mädchen.
In einem unterirdischen Raum können zum Gedenken an die Opfer Kerzen angezündet werden.
Der Holodomor wird sehr oft mit dem Holocaust verglichen, jedoch ist sie definitiv nicht mit dem Holocaust gleichzusetzen.
Auch hier gibt es unterschiedliche Auffassungen und Interpretationen:
Soll der Holodomor als Genozid am ukrainischen Volk anerkennt werden oder ist es doch eher eine systematische Aushungerung von Bauern gewesen?
Am Ende des Tages kamen wir zu dem Entschluss, dass eher in der Gedenkstätte für den Holodomor mehr Emotionalität erwünscht wäre als bei dem Museum des Großen Vaterländischen Krieges.
Trotzdem hat auch diese Ausstellung uns geholfen das Bewusstsein der ukrainischen Bevölkerung teilweise zu verstehen.

Der heutige Tag war ebenfalls sehr informativ, jedoch brauche ich etwas Zeit um all diese Eindrücke und Informationen zu reflektieren und abzuwägen.
Das Wetter ist natürlich sehr kalt.

Hall Of Glory
In dem sogenannten Saal „Hall Of Glory“ wird an einzelne Menschen und deren Schicksale während dieser schrecklichen Zeit erinnert.
(Foto: Antonio Morales Okyaz)

Selin Ilhan

2.Tag- Biographie Inge Deutschkron/Flug nach Kiew, Ukraine (25. Januar 2013)

Heute, vor unserer Abreise nach Kiew bereiteten wir in kleinen Arbeitsgruppen die Biographie Inge Deutschkrons vor.
Inge Deutschkron wird am 30.Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus eine Rede im Plenarsaal des Deutschen Bundestages halten.
Sie wurde 1922 in Finsterwalde geboren und wuchs in Berlin auf.
Ihr Vater war ein sozialdemokratischer Gymnasiallehrer, der ab 1933 verfolgt wurde. Später gelang es ihrem Vater Dr. Martin Deutschkron nach England auszuwandern. Ihr und ihrer Mutter gelang die Ausreise nicht mehr, so lebte sie mit ihrer Mutter von 1943 bis 1945 in verschiedenen Verstecken, um vor der Deportation bewahrt zu bleiben.
Im Jahre 1946 holte Dr. Martin Deutschkron seine Frau und Tochter zu sich nach England.
Heute spricht sie daher von „stillen Helden“, die Juden retteten und sie vor der NS-Herrschaft schützten.
Inge Deutschkron lebt zurzeit in Berlin und arbeitet als Schriftstellerin.
Zudem ist sie Vorsitzende des Fördervereins „Blindes Vertrauen“.
Nach der Vorbereitung der Biographie von Inge Deutschkron ging es vom Flughafen Köln/Bonn aus nach Kiew, der Hauptstadt der Ukraine.
Jedoch war uns bereits zuvor bekannt, dass wir lange zu warten hatten, da das Sicherheitspersonal des Flughafens streikte.
Wir wurden mit einer Materialsammlung zu unserem Thema und Lunchpaketen ausgestattet.
Mit ca.5 Stunden Aufenthalt im Flughafen und viel Verspätung gelang uns letztendlich doch der Flug nach Kiew.
Teilweise war es sogar schon so weit, dass der Pilot ohne uns starten wollte, zumal einige noch nicht über den Sicherheitscheck gekommen waren, doch Herr Guckes gelang es mit viel Ausgelassenheit und Ruhe den Start der Maschine ohne uns zu verhindern.
Gegen 22 Uhr waren wir in unserem Hostel angekommen und nach einem schnellen Abendessen ging es sofort weiter zu einer Kurzvorstellung des Ukrainian Centers for Holocaust Studies durch Dr.Anatoly Podolsky.
Das ukrainische Zentrum für Holocaustforschung wurde 2002 gegründet und legt Schwerpunkte eben auf Holocaust-Forschung und anschließend Holocaust-Erziehung.
Das Zentrum beschäftigt sich einerseits mit der totalitären, nationalsozialistischen und andererseits mit der kommunistischen Macht bzw. Gewalt des 20. Jahrhunderts.
Diese Organisation ist unabhängig und somit keine Einrichtung der Regierung, zumal die Regierung diese Art von Forschung nicht unterstützt und den Holocaust nicht als Bestandteil der ukrainischen Geschichte sieht. Die Regierung zeigt absolutes Desinteresse.
Dr. Anatoly Podolsky sieht die Tendenz bzw. das Interesse der Mehrheit zu der Zeit des Holodomors und Stalins. Dieser Trend, so nennt es Podolsky, herrscht selbst unter fortgebildeten Menschen.
Diese Organisation ist daher sehr bemüht trotz dieser Gleichgültigkeit der Regierung und vieler Menschen diese Einrichtung aufrechtzuerhalten und die jüdische Kultur und Geschichte als Teil der ukrainischen Identität im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. So lebten im Jahre 1939 2,5 Millionen Juden in der Ukraine, heute sind es weniger als 100.000.
Diese Organisation führt deshalb regelmäßige Seminare, Kooperationen und Ausstellungen durch.

Der heutige Tag war sehr anstrengend, aber trotzdem sehr informativ.
Trotz unserer aufgekommenen Müdigkeit waren wir alle äußerst aufmerksam und sehr aktiv.
Weiterhin freue ich mich sehr die nächsten Tage miterleben zu dürfen.

Selin Ilhan

1.Tag-Ankunft in Bonn (24. Januar 2013)

Heute war der Tag an dem wir, das sind 78 Teilnehmer aus acht verschiedenen Ländern (Ukraine, USA, Weißrussland, Frankreich, Polen, Österreich,Tschechische Republik und Deutschland), uns in Bonn getroffen und kennengelernt haben.
Wir alle engagieren uns in verschiedenen Organisationen (Aktion-Sühnezeichen-Friedensdienste, American Jewish Commitee Berlin Office, Jüdisches Historisches Institut Warschau usw.), die sich mit dem Nationalsozialismus und der jüdischen Geschichte auseinandersetzen.
Somit wurden wir durch unsere Antirassismus-Arbeit bzw. auch teilweise durch persönliche Betroffenheit zur Teilnahme vorgeschlagen und vom deutschen Bundestag eingeladen,Teil dieser großartigen Veranstaltung zu sein.
Gemeinsam werden wir uns in den nächsten Tagen mit dem Thema Osteuropa als Ort nationalsozialistischer Verbrechen: Besatzung, Zwangsarbeit und Völkermord in der Ukraine beschäftigen.
Heute erhielten wir eine historische Einführung von Dr. Jochen Guckes (Besucherdienst des Deutschen Bundestages) und auch Prof. Dr. Frank Golczewski von der Universität Hamburg hielt einen Vortrag über die Erinnerungspolitik in der Ukraine , um uns auf die kommenden Tage vorzubereiten.
Diese Einführungen machten uns bewusst, dass Osteuropa ein bedeutender Ort des Verbrechens war, in der Kriegsverbrechen, Massenmorde, Hungersnöte (Holodomor) und Deportationen stattgefunden haben.
Auch wurden wir mit einer Opfervielfalt des Krieges konfrontiert.
Jedes Individuum, jedes Volk und jeder Staat zeigt ein anderes Einfühlungsvermögen und demnach auch einen anderen Umgang mit der Geschichte, die durch verschiedene Erinnerungskulturen deutlich gemacht werden.
In den nächsten Tagen werden wir deshalb gemeinsam andere Positionen und Blickwinkel einer uns noch fremden Nation kennenlernen.

Bereits heute habe ich sehr freundliche und offene Menschen kennengelernt.
Ich freue mich schon auf die kommenden Tage und kann es kaum erwarten, anderen Eindrücken und Erfahrungen zu begegnen.

Selin Ilhan